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 Themen im Detail

   

Themen und Inhalte der Literarischen Ferien 2008 (5. bis 11. April) im Detail:
 

Thema A): Gustave Flaubert (1821-1880).

„Das Erscheinen von Madame Bovary war eine Umwälzung für die gesamte Literatur. Es schien, dass die Technik des modernen Romans auf den vierhundert Seiten eines einzigen Buches klar umrissen und formuliert worden war. Die neue Kunst hatte ihre Grammatik gefunden.“ (Emile Zola)

Für Zola war Flaubert der Begründer des modernen realistischen Romans, für Nietzsche der Prediger des „Artisten-Evangeliums“, der „décadent, der Verkünder des l`art pour l`art.“ Heinrich Mann nannte ihn den „Heiligen des Romans“ und für seinen Bruder Thomas war das Französische „die Sprache Flauberts“. Der heutige Leser wird in der Madame Bovary vor allem die Fähigkeit des Autors bewundern, ein wirklich banales Sujet – Langeweile und Ehebruch im Kleinbürgermilieu – so zu gestalten, dass eben diese Langeweile bei der Lektüre fast körperlich spürbar wird. Da sagt nicht einer: „Das Leben der Kleinbürger ist langweilig“, sondern er gestaltet mit Hilfe der Sprache das ereignislose Zerrinnen der Zeit. Dazu kommt das, was ich als Flauberts „bösen Blick“ bezeichnen möchte: Alle Personen werden gnadenlos – nein, nicht beurteilt – beobachtet und analysiert. Es ist wahr, Flaubert hasste das Bürgertum, aber um diesem Hass Ausdruck zu verleihen, verurteilte er es nicht, sondern machte sich mit sprachlich-stilistischen Mitteln daran, es zu beschreiben oder wie Zeitgenossen fanden, es zu sezieren. So gesehen ist Madame Bovary eines der aufregendsten und spannendsten Bücher des 19. Jahrhunderts.

Im Mittelpunkt unseres Kurses steht Madame Bovary, darüber hinaus aber sollen Ausblicke auf Leben und Gesamtwerk des Autors gegeben werden. Für die Teilnahme braucht es keine speziellen Vorkenntnisse – die Flaubert-Lektüre sei aber dringend empfohlen, damit sich eine rege Diskussion entwickeln kann. Alle erhältlichen Übersetzungen sind brauchbar. Ich selber verwende diejenige von
René Schickele (detebe –Klassiker 20721, Diogenes).

Referent: Lic. phil. Horst Krüger, Zürich (4 Veranstaltungen).

 

 

Thema B): Melancholie und Nächstenliebe bei Baudelaire (zur Darstellung von Randständigen in der Literatur des 19. Jahrhunderts).

Bettler, Alte, Witwen, Prostituierte, Exilierte, streunende Tiere … bilden das Hauptpersonal von Baudelaires Strassenpoesie. Das Verhältnis zu diesen Figuren ist ein komplexes. Sie dienen dem Dichter als Identifikationsfiguren: Baudelaire erkennt in ihnen einen abgespaltenen Teil seiner eigenen Seele, monströse Fratzen des eigenen Aussenseitertums. Diese Einsicht gerade befähigt ihn zu schonungsloser Anschaulichkeit in der Darstellung: Paris, Kapitale des 19. Jahrhunderts (Walter Benjamin) wird Kapitale des poetischen Realismus, auch lexikalisch.

Die Unbarmherzigkeit der Darstellung – wo doch immer er selbst mitgemeint ist – trägt Baudelaire den Ruf des Sadisten, Dandy, Frauenhassers, Chauvinisten ja des Antisemiten ein (den er auch kultiviert). Marcel Proust hingegen beschreibt ihn als «grausam mit unendlich viel Sensibilität». Damit weist er auf ein für Baudelaire charakteristisches Paradox hin: sein unnachsichtiger Blick schärft sich an melancholischer Introspektion; er impliziert Kasteiung der eigenen Person. Hasse deinen Nächsten wie dich selbst, könnte man meinen. Jedoch geht der Verzicht auf jegliche Beschönigung einher mit Akzeptanz. Als einer der Ersten nimmt Baudelaire die Menschen wahr wie sie sind. Somit verzichtet er auch – was der Vergleich mit Victor Hugos «Contemplations» zeigt – auf die konventionelle Erhabenheit von Sprache und Form. Gerade darin zeigt Baudelaire wieder Grösse: er weist entschieden den Hang zur Idealisierung zurück, welcher der Armendarstellung des 19. Jahrhunderts anhaftet, von Victor Hugo bis Émile Zola.

Mit der Anmeldebestätigung erhalten die Teilnehmer Angaben zur verwendeten Übersetzung von Baudelaire und zu den Texten, die besprochen werden.

Referentin: Dr. Dagmar Wieser, Assistentin für Französische Literatur der Neuzeit an der Universität Zürich (4 Veranstaltungen).